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taz, die tageszeitung

Comeback mit Tarot 1980.

Ton Steine Scherben haben Berlin links liegen gelassen und leben auf ihrem Landsitz in Fresenhagen. In diesem Jahr produzieren sie "IV", ihr legendäres "schwarzes" Album

von KAI SICHTERMANN, JENS JOHLER und CHRISTIAN STAHL

Was sich im Laufe des Jahres 1978 vage angekündigt hatte, begann sich im darauffolgenden Jahr zu verdichten. Nach den vielen Auftragswerken der vergangenen Zeit hatte die Band den Wunsch, wieder eine originale Scherben-LP herauszubringen. Das Problem war: Rio und Lanrue, das entscheidende Duo der Scherben, konnten nur arbeiten, wenn sie unter Druck standen. Man brauchte bloß zu einem bestimmten Thema ein paar Songs zu bestellen und zu sagen, nächste Woche muss ich die haben, dann wuchsen die beiden über sich hinaus.

Für eine neue Scherben-LP aber gab es keinen Auftrag, keinen Termindruck. Wie konnte man eine Situation schaffen, in der auch ohne Auftrag und Termindruck verbindlich, konzentriert und kreativ gearbeitet wurde? Die Scherben lösten das Problem auf ihre Weise: durch "Spökenkiekerei". Ende Dezember 1979 errechneten Rio und Kai auf astrologischer Basis den günstigsten Zeitpunkt für den Beginn der Arbeit an der neuen LP.

Abzupassen waren bestimmte Stellungen von Jupiter und Venus, eine solche Stellung war am Morgen des 22. Januar 1980 um 8 Uhr 15 erreicht, als die Band eine Flasche Sekt der Marke Freixenet Cordon Negro Brut an der Tür zum Studio zerschellen ließen. Das war der Startschuss, die Studiotaufe für die neue LP, der magische Augenblick, mit dem die Arbeit an "der Schwarzen" begann. Damit war zugleich die Deadline gesetzt: Genau ein Jahr nach diesem Startschuss, auf die Sekunde ein Jahr danach, sollte die neue LP fertig sein. So die Verabredung. Damit hatten die Scherben, was sie brauchten: Zeitdruck. Was sie nicht hatten, waren Songs.

Die Scherben hatten, als sie Rios Vorschlag annahmen, strengstes Stillschweigen vereinbart. Niemand sollte je erfahren, wie es zu den Songs kam. Und keiner außer den fünf sollte während des für die Produktion vereinbarten Jahres das Studio betreten dürfen. Wir haben uns bei allen Beteiligten die Erlaubnis geholt, das Tarotgeheimnis preiszugeben. Alle waren der Ansicht, dass jetzt, wo seit der Auflösung der Band fünfzehn Jahre vergangen sind - genauso viele, wie von der Gründung bis zur Auflösung -, der Moment gekommen ist, in dem es erlaubt ist, aus dem magischen Kreis herauszutreten.

Zunächst ein Wort über das Tarot: 78 Karten mit symbolischer Bedeutung, deren Ursprünge im Dunkeln liegen. Wahrscheinlich stammen die Karten aus dem Orient. 22 der Karten werden die Großen Arkanen genannt; ihnen sagt man archetypische Bedeutung nach, das heißt, jede Karte symbolisiert als Urbild einen bestimmten Bereich unseres Daseins. Rios Vorschlag bestand nun darin, dass zu jeder der 22 Großen Arkanen ein Song geschrieben werden sollte.

Der große Moment, in dem die erste Karte gezogen wurde - von allen gemeinsam, von Hannes Eyber, Rio, Funky, Kai und Lanrue -, war also dieser denkwürdige 22. Januar im Studio in Fresenhagen. Man würde gern erfahren, wie den fünf Musikmagiern zumute war, als sie die erste Karte zogen, sie umdrehten und gewahr wurden, dass es DER TEUFEL war. Heulte der Wind über den Dächern von Fresenhagen? Peitschte der Regen gegen die Fenster? Schlug Rapsie, Lanrues Pferd, dreimal aus? Wir wissen es nicht. Wir wissen aber, dass der Text, der seine Inspiration und seinen Zauber dieser ersten Karte verdankt, von allen gemeinsam geschrieben wurde. Er entstand durch eine Art Spiel, bei dem jeder eine Zeile aufschrieb. Was dabei herauskam, wurde von Hannes Eyber und Rio überarbeitet. Auch die Akkorde des Songs wurden durch ein Zufallsprinzip bestimmt.

Heimweh lautet der gar nicht so teuflische Titel des Songs. Hannes Eyber: "Dieses Heimwehding, das sind für mich die Scherben. Das ist die Summe der Scherben. Das ist eine ungewöhnliche Musik, die hat einen bestimmten skurrilen Touch, der Text ist eigenartig, der hat ja keine Logik, geht aber mit der Musik, der Stimme, mit dem Klang der Sache absolut konform und hat irgendwie einen Sog. Da kommt alles drin vor. Da ist ungesundes Leben, Drogen, alles, was Rockmusik in sich versammelt, Sehnsucht, Schmerz - da ist alles drin, was so eine Musik auszudrücken vermag." Doch von da an ging gar nichts mehr. Es war wie verhext. Man saß herum und zergrübelte sich den Kopf darüber, wie es weitergehen sollte. Alle waren irgendwie blockiert. Rios Vorschlag war dann, dass durch ein magisches Ritual herausgefunden werden sollte, wer welchen Text und welche Musik schreibt.

Bevorzugen Sie zur Befragung des Tarots die Abend- und Nachtstunden", heißt es in dem Buch "Tarot" von Dr. Gilbert Obermaier. So war es vermutlich eine Nachtstunde, in der die Scherben der Reihe nach die Karten zogen, die ihnen jeweils den speziellen Text- oder Kompositionsauftrag zuwiesen. Auch hier wieder sollte das entscheiden, was profane Geister als Zufall bezeichnen würden, die Weisheit des Tarots. Die erste Karte sollte von allen gemeinsam gezogen werden, im Studio in Fresenhagen. Danach sollte jeweils einer der fünf die nächste Karte ziehen - und hier kommt ein neues magisches Moment ins Spiel: jeweils an einem von ihm selbst zu bestimmenden Ort.

So fuhren die Scherben gemeinsam zur archäologischen Ausgrabungsstätte nach Haithabu oder an die Nordsee nach Dagebüll, nach Dänemark zu den Orten Mögeltondern oder Ribe oder in das berühmte Nordseefischrestaurant Bonsil, um dort irgendwo im Kreis zu stehen und zuzuschauen, wie einer von ihnen die nächste Karte zog. Das war dann eben DER HERRSCHER oder DER MAGIER, DER GEHENKTE oder DER NARR.

Kaum aber war die Karte aufgedeckt, hieß es, in Windeseile an die Arbeit zu gehen. Denn viel Zeit war ja nicht. Man kann es sich ausrechnen: Ein Jahr und 22 Songs, da war für einen Song kaum mehr als vierzehn Tage Zeit. Und wenn man bedenkt, dass die Scherben noch knapp vier Monate Pause machten, dann kommt man auf einen Durchschnitt von rund elf Tagen pro Song - Text, Komposition, Demoaufnahme und Studioeinspielung. Es herrschte Zeitdruck - aber den hatten sie ja gewollt, die Scherben.

Kai brach mit der verschworenen Gemeinschaft nach Dänemark auf, in das Städtchen Ribe, bestieg mit allen zusammen den Turm im Zentrum und zog dort oben DIE HERRSCHERIN aus dem Kartenstapel. Man kann auch hier nur wieder über die Weisheit des Tarot ins Staunen oder ins Grübeln kommen: Kai hatte den Ort Ribe nur deswegen gewählt, weil eine gewisse Emma hier gelebt hatte und immer noch ein wenig "die Herrscherin" über einen Winkel seines Herzens war. Ein Jahr zuvor hatten sie in Fresenhagen eine Liebesnacht miteinander verbracht, und seitdem hatte Emma Kais Gefühle damit gefesselt, dass sie seine Werbung zuließ, sie aber nie mit einem eindeutigen Ja oder Nein beantwortete. Inzwischen war Kais Liebe zu Emma schon ein wenig abgeklungen, aber "irgendwo beherrschte sie mich noch, deswegen wollte ich auch nach Ribe fahren, um dort die Karte zu ziehen. Als ich dann sah, dass es DIE HERRSCHERIN war, wär ich fast vom Turm gefallen. Aber komischerweise - danach war die Geschichte mit Emma für mich vorbei." Bleib, wo du bist, hieß der wehmütige Song, den Rio dazu schrieb. Hannes Eyber: "Wir hatten gerade ein Buch von Oriana Fallaci gelesen, von dieser italienischen Starjournalistin, Briefe an ein ungeborenes Kind oder so. Es war ja die Zeit der Friedensbewegung, wo keiner mehr Kinder auf die Welt bringen wollte, weil ja sowieso der Atomkrieg drohte - und dieses Bleib, wo du bist, das war auch eine geheime Botschaft an die ungeborenen Kinder."

Drei Tage später: Am 10. 6. zog Lanrue im Langenberger Wald die Karte DIE ZERSTÖRUNG oder auch DER TURM. Doppelbingo: Rio. Einer der schönsten Songs der LP hat seine Kraft, seine Magie dieser Karte zu verdanken, auf der zu sehen ist, wie ein Turm einstürzt. Der Turm stürzt ein heißt auch der Song - "Halleluja, der Turm stürzt ein". Ein weiblicher Fan dieses Liedes, selbst Schriftstellerin, sagte, als sie den Song hörte: "Russe in Beton und Stahl - Müde alles Material - darauf muss man erst mal kommen!" Wahrscheinlich wäre sie noch erstaunter gewesen, wenn sie erfahren hätte, dass Rio "müdes Material" nicht im Zusammenhang mit den Russen, sondern mit den Amerikanern aufgeschnappt hatte. Rio war im Mai in Berlin gewesen und hatte eine Rolle in dem Noever-Film "Total vereist" gespielt. In dieser Zeit erfuhr er aus dem Autoradio seines Taxis, dass die Berliner Kongresshalle eingestürzt war, die heute das Haus der Kulturen der Welt beherbergt. Der Bau mit dem geschwungenen Dach aus Spannbeton war 1957 von dem amerikanischen Architekten Hugh Stubbins als Beitrag zur Internationalen Bauausstellung errichtet worden. Die offizielle Erklärung für das Unglück, bei dem ein Mensch ums Leben kam und fünf weitere verletzt wurden, lautete: "Materialmüdigkeit". Rio: "Das war schon ein Schlag, dass so ein wunderbarer Spannbeton auch mal müde wird ..." Am 25. 10. zog Lanrue DIE ENTSCHEIDUNG, eine Karte, die auch DIE LIEBENDEN heißt. Lanrue und Funky machten daraus den Song Der Fremde aus Indien, in dessen Text - Rios Idee - Wörter, die den Buchstaben e enthalten, konsequent gemieden wurden. "Mit dir will ich in Nacht und Arm - im Raumwind wir auch uns und uns - und Kuss." Der Titel ist ein Karl-May-Titel, wie er auf keiner Scherben-LP fehlen durfte.

Was auf der Platte nicht zu hören ist, sind die Qualen, die Funky während der Aufnahme im Fresenhagener Studio durchstehen musste. Sein Schlagzeugwirbel, den er im Song ganz zu Beginn und gegen Ende spielt, ist in die Scherben-Geschichte als "Sechzehnstundenwirbel" eingegangen. Der Song wurde nicht live eingespielt, sondern die Instrumente jeweils einzeln auf einer Spur aufgenommen und später zusammengemischt. Ein exaktes Timing ist bei solchen Aufnahmen enorm wichtig, jeder Beckenschlag, jedes Break und jeder Stopp müssen stimmen, sonst geht der Groove flöten.

An sich war Funkys Aufgabe nicht schwer. Nach einem Pianointro und Beckengeklingel machte er einen Gongschlag, dann sind vier Takte Pause, bevor Funky, beginnend auf der Eins, vier Takte lang im Sechzehntelrhythmus über die Trommeln wirbelt - Snaredrum, Hängetoms und Standtom -, um wieder pünktlich auf der Eins auf dem Crashbecken zu landen. Eine Grundübung für jeden Schlagzeuger, aber Funky verpasste beim ersten Versuch seinen Einsatz, worauf Lanrue frozzelte: "Wo ist die Eins?" Jetzt wurde Funky nervös. Beim zweiten Versuch verhedderte er sich in den schnell gespielten Sechzehnteln. Rio, der ohnehin einen schlechten Tag hatte, blaffte: "Mann, du spielst Dagada-Dagada-Dagada-Dagada-Crash statt Daga-daga-Dagadaga-Dagadaga-Dagadaga-Crash, kapier das doch endlich." Funkys Selbstbewusstsein sank. Die nächsten Wirbel klangen verkrampft, ungenau und völlig ohne Groove. Rio und Lanrue ließen ihren Trommler immer wieder die gleiche Stelle trommeln, stundenlang. Längst war es völlig egal geworden, ob Funky den Wirbel richtig spielte, was er mehrfach tat. Funky musste weiterwirbeln. Die Sache verselbstständigte sich auf unerklärliche Weise. Funky trommelte sechzehn Stunden.

Als Kai am nächsten Morgen aufwachte und verschlafen in Richtung Studio schlich, hörte er schon von ferne Dagadaga-Dagadaga-Dagadaga-Crash. Gerade als er das Studio betrat, zeigte Rio auf eine Ketchupflasche hinter dem Schlagzeug und sagte: "Was macht denn die hier?" Er nahm die Flasche, trug sie aus dem Studio, kam zurück und sagte: "Noch einmal Funky." Und als Funky getrommelt hatte: "Das wars."

KAI SICHTERMANN, Jahrgang 1951, Exbassist von Ton Steine Scherben, schrieb mit den Journalisten JENS JOHLER und CHRISTIAN STAHL "Keine Macht für Niemand. Die Geschichte der Ton Steine Scherben" (320 Seiten, 29,80 Mark), aus dem wir mit freundlicher Genehmigung des Berliner Verlags Schwarzkopf & Schwarzkopf das vorliegende Kapitel stark gekürzt drucken.

taz Magazin Nr. 6130 vom 29.4.2000, Seite 3, 341 Zeilen TAZ-Bericht KAI SICHTERMANN / JENS JOHLER / CHRISTIAN STAHL , ruhe in unfrieden

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