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Keine Macht für Niemand
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Kalaschnikow - das Politmagazin

Nr. 15, Heft 2/00, S. 117

Keine Macht für niemand

Eine Rezension von Rainer Balcerowiak

Ein ehemaliges Bandmitglied hat die Geschichte der "Ton Steine Scherben" aufgeschrieben

Auf der Brücke über der Autobahn, wenn du nach Berlin reinkommst, steht es immer noch - oder wieder. Es war zwischendrin mal weg, übergepinselt. Und da hat’s einer wieder hingeschrieben. (..) Ich lese „Keine Macht für Niemand“ und denke: Aha, jetzt bist du wieder zu Hause“

Diese kleine Anekdote , die der langjährige Scherben-Trommler Funky Götzner in einem Interview 1999 zu besten gab, erläutert anschaulich den Stellenwert, den die 1970 gegründete und 1985 aufgelöste Rockband „Ton Steine Scherben“ hatte und hat. Eine Band, die zwar außer der charismatischen Stimme ihres Sängers Rio Reiser musikalisch wenig Innovatives vorzuweisen hatte, aber aufgrund ihrer Verwurzelung in der antiautoritären linksradikalen Subkultur Westdeutschlands und besonders Westberlins zum Inbegriff deutschsprachiger politischer Rockmusik wurde.

Stoff für Legenden also. Doch Kai Sichtermann, langjähriger Bassist der Gruppe, und seine beiden Co-Autoren Jens Johler und Christian Stahl bemühen sich in ihrem jetzt herausgekommenen Buch „Keine Macht für Niemand-Die Geschichte der Ton Steine Scherben“ erfolgreich, alle popkulturellen Klischees und jegliche Heldenverehrung zu vermeiden. Skizziert wird der Weg einiger Aussteiger aus der westdeutschen Provinz, die es nach Berlin verschlagen hatte um dort Musik und Revolution zu machen. Mit der ersten im Sommer 1970 produzierten Single „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ und der kurz darauf folgenden gleichnamigen LP gewann die Band schnell eine große Fangemeinde in der linken Szene. In einer Ende 1970 in der Berliner Untergrundzeitung „883“ veröffentlichten Selbstdarstellung der Band heißt es:“Wir unterstützen jede Aktion, die dem Klassenkampf dient. Egal, von welcher Gruppe sie geplant ist. Unsere Lieder sind einfach. Wir brauchen keine Ästhetik; unsere Ästhetik ist die politische Effektivität. Unser Publikum ist der Maßstab und nicht irgendwelche ausgeflippten Dichter.“

Die Gruppe reagierte schnell auf politische Ereignisse. Für eine Solidaritätsveranstaltung mit inhaftierten Mitgliedern der „Roten Armee Fraktion (RAF) entstand der Song „Der Kampf geht weiter“ und auch der Besetzung eines leerstehenden Schwesternwohnheimes in Kreuzberg, das später unter dem Namen „Georg von Rauch-Haus“ bekannt wurde, und der Kampagne gegen Fahrpreiserhöhungen bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) wurden eigene Titel gewidmet. 1972 erschien das bis heute über 200.000 Mal verkaufte Doppel-Album „Keine Macht für Niemand“ Die Gruppe wurde bundesweit gefragtes Sahnehäubchen für politische Veranstaltungen, Konzertanfragen kamen von der SDAJ, den Jusos, diversen Asten, Gruppen der Roten und Schwarzen Hilfe bis hin zur Evangelischen Jugend.

Kommerzieller Erfolg war damit allerdings nicht verbunden. Das nackte Überleben der Scherben-Kommune war lange Zeit nur durch die Fähigkeiten einiger Mitglieder beim bargeldlosen Einkauf in Supermärkten zu sichern. Und die revolutionären Tugendwächter wachten streng und unerbittlich über die Einhaltung des linksradikalen Reinheitsgebotes. An Gagen war nicht zu denken. Übernachtungen gab’s auf Matratzenlagern in örtlichen Wohngemeinschaften und Verstärker bitte selber auf die Bühne tragen. Auch künstlerisch wurden keinerlei Experimente geduldet: Versuche, mittels Kostümen, Schminke und Lichteffekten eine größere Bühnenpräsenz zu erreichen wurden ebenso als „kleinbürgerlich“ gegeißelt wie der Kauf neuer Instrumente und der steigende Anteil „unpolitischer“ Songs im Scherben-Repertoire. Eintrittsgelder von 5 DM brachten den Scherben regelmäßig den Vorwurf der „Geldgeilheit“ ein; von Leuten die ohne mit der Wimper zu zucken bereit waren 30 DM und mehr für ein „Stones“ oder „Pink Floyd“-Konzert auszugeben. Der Einsatz von Backgroundsängerinnen führte auch schon mal zu Stinkbombenattacken militanter Frauengruppen.

1975 produzierte die Band noch eine weitere Doppel-LP mit dem Titel „Wenn die Nacht am tiefsten ist“ und flüchtete schließlich vor der linksradikalen Inquisition in eine Bauernhofruine nach Fresenhagen in Friesland. Dort widmete man sich mehr dem Aufbau des Hofes und der Landarbeit als der Musik. Man begann getrennte musikalische Wege zugehen. Kinderhörspielvertonungen, Theatermusiken und kleinere Filmrollen halfen den Lebensunterhalt der Kommune zu sichern. Einige Musiker beteiligten sich an der Schwulen-Revue „Brühwarm“, andere unter dem Namen „Captain Hammer“ an einer Science Fiction Revue im Rahmen des SPD-Wahlkampfes, was natürlich weiteren Ärger einbrachte.

Erst 1980 entstand die Idee einer Neuformierung der Band, allerdings unter neuen Voraussetzungen: nicht mehr Agit-Prop-Truppe sondern „normale“ Rock ‘n’ roll Band wollte man sein. Auslöser war nicht zuletzt die Emanzipation der sogenannten „Scherben-Frauen“, die mit ihrer eigenen Band „Caramboulage“ einiges an Aufsehen erregte. Doch längst hatten Udo Lindenberg, Nina Hagen, M. Müller-Westernhagen und andere die Spitzenplätze im deutschsprachigen Rockbusiness besetzt, hatte die spaßbetonte „Neue Deutsche Welle“ um Nena und Ideal neue Akzente gesetzt. Die esoterisch angehauchte LP „Scherben IV-Die Schwarze“ und 2 darauffolgende Deutschlandtourneen brachten ein finanzielles Desaster, von dem sich die Band nie wieder erholen sollte. Nach drei weiteren, vom ständigen Überlebenskampf geprägten Jahren und einer letzten Tournee löste sich die Gruppe 1985 endgültig auf. Rio Reisers anschließende Solo-Karriere, u.a. mit den Charts-Hits „König von Deutschland“ und „Alles Lüge“ half nicht unbeträchtlich, den Schuldenberg abzubauen, spätere Live-Veröffentlichungen aus dem Scherben-Nachlaß taten ein übriges. Tragischerweise löste gerade der Tod des Sängers im Jahr 1998 ein regelrechtes Scherben-Revival aus.

Das „Ton Steine Scherben“ aber mehr sind, als eine an unerbittlichen Marktgesetzen gescheiterte Rockband hat sich längst zur Genüge gezeigt. Bis zum heutigen Tag sind ihre Songs über Ausbeuter, Unterdrücker, prügelnde Polizisten und für die Freiheit der Soundtrack sozialer Bewegungen, von Hausbesetzern über Antifa-Gruppen bis hin zur Gewerkschaftsjugend, geblieben. Und aus den einst „linksradikalen“ Kritikern der „geldgeilen, kleinbürgerlichen“ Scherben sind teilweise, wie im Falle Daniel Cohn-Bendits, längst veritable Abgeordnete und Kriegsbefürworter geworden.

Anmerkung:
Kai Sichermann/Jens Johler/Christian Stahl: Keine Macht für Niemand- Die Geschichte der Ton Steine Scherben, Berlin 2000

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