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Kowalsky

Heft 72 / 7. Jahrgang

Sanft gefedert

Es sieht ja insgesamt eher düster aus in der Szene der unterhaltsamen und dennoch anspruchsvollen Literatur, und wenn es nicht einige Verlage gäbe, die hin und wieder wahre Perlen vor die Säue werfen (etwa Eichborn, Semmel und Haffmanns, neuerdings auch Weißer Stein in Greiz), wär's ganz und gar zum Verzweifeln. Um so erfreulicher, da8 endlich auch aus dem Luchterhand Literaturverlag ein Highlight zu uns dringt, und deshalb lobe ich den wackeren Lektor namentlich: Martin Hielscher.

Des Autors Name jedoch ist zu preisen: Jens Johler, denn er hat uns ein Buch beschert, wie es bei uns nur selten vorkommt: witzig, anrührend und zudem in einer Sprache geschrieben, die sich nichts von den verblasenen Gesten angenommen hat, mit denen allgemein in der neueren deutschen Literatur herumgefuchtelt wird. Imposant für mich vor allem zwei Dinge in Johlers Prosa: Wie stilistisch unprätentiös er erzählt und uns dadurch (wieder mal) darauf aufmerksam macht, daß der Verzicht auf eine raffinierte Hochsprache nicht mit dem Verlust literarischer Qualität einhergehen muß. Daß ein Text im Gegenteil dadurch gewinnen kann, daß er Dinge adäquat benennt und nicht redundant umschreibt. (Beispiel: Wenn also jemand Blumen in eine Vase tut, anstatt sie dort beispielsweise zu arrangieren - das "tun" bezeichnet die Beiläufigkeit dieser Handlung hinreichend und mogelt ihr nicht eine Dimension auf, die sie nicht hat.) Das andere, was mir gefällt: Johler (kein Pseudonym!) läßt uns seine Erzählhaltung nicht nur spüren, er spricht sie auch aus: Er kann nichts erfinden! Wenn das so gesagt auch kokett über- und gespielt untertrieben ist, so weist das Bekenntnis doch darauf hin, daß ihm genaue Beobachtung zunächst mal wichtiger ist als jede Fiktion, und schließlich bedarf ja die Wirklichkeit ohnehin nur weniger Retuschen, um in komischer Verfremdung krältig Auskunft über sich selbst zu geben.

Genau das geschieht in Johlers "Roman", der aus Erzählungen besteht, die sich nur so locker aufeinander beziehen, daß jede von ihnen auch ohne Kenntnis der anderen gelesen werden kann. Freilich ist seine Welt ein recht aparter Kosmos, in dem der in die Jahre gekommene Yuppy durchaus Wert auf trifles als Abschluß eines Soupers legt und sich bei seiner charmanten Gastgeberin mit einer Serie von Handküssen bedankt, doch sollen solche Details nicht den Eindruck überwiegen lassen, als feiere hier jemand narzißtisch seine hedonistische Kaste ab. Johlers durchgehend spürbare ironische Distanz, zu seinen Figuren (und sich selbst) und sein zuweilen fast mitleidloser Blick für ihre Konstellationen schaffen auch Raum für Zweifel und Verzweiflungen.

Manchmal allerdings schwadroniert der Autor doch ein wenig zu bedenkenlos und erreicht damit bei mir etwa den Grad von Verdrossenheit, den ich in manchen Woody-Allen-Filmen verspüre, wenn der wieder allzu selbstverliebt vergißt, daß nicht alle persönliche Macken und Problemchen coram publico breitgewalzt werden müssen. Aber das geschieht selten und ist in sich schon wieder so amüsant, daß mein Ärger rasch verfliegt.

Insgesamt ein leichtes, für deutsche Verhältnisse überraschend sanft gefedertes und intelligentes Buch, dessen Lektüre die allfällige Erzählmisere vorübergehend vergessen läßt. Und damit auch alle überprüfen können, daß stimmt, was ich sage, drucken wir Johlers Eingangsgeschichte seine Protagonisten würden sagen: als Appetizer - im Heft ab.

Axel Marquardt

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