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Bye bye, Ronstein. Roman

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Freitag

1. März 1996, Nr. 10

Jörg Magenau

Chemnitz ist überall

Von Metropolensehnsüchten und leisen Abgesängen: Berlin-Romane von Jakob Arjouni, Matthias Zschokke, Jens Johler/Axel Olly und ein Sammelband mit »kriminalen Texten aus der Kapitale«

Stark lieblingsbuchverdächtig ist auch Jens Johlers und Axel Ollys Abgesang auf West-Berlin und die 68er Szene am Winterfeldtplatz, die bissige, präzise Satire Bye, bye, Ronstein. Wenn im Wenderoman (Ost) Klagen über abgewickelte Akademiker sich häufen, kann der Westler nur die Schultern zucken: Er war immer schon abgewickelt. Doch er reagiert darauf nicht mit larmoyantem Gejammer, sondern mit jahrzehntelang gehärtetem Zynismus.

Ronstein, Mitte Vierzig, fristet sein Dasein als Privatdozent und hofft vergeblich auf eine Professur. Seine Frau Beate ist Architektin, finanziell kommt er also zurecht. Ronstein stammt, wie die meisten Berliner, aus Schwaben (Bietigheim-Bissingen) und erinnert sich sehnsüchtig an die Kindheit mit steilen Weinbergtreppen (Heimat!). Wie Zschokkes dicker Dichter ist auch Ronstein vom Grundgefühl der Vergeblichkeit durchdrungen. Nicht er lebt das Leben, sondern das Leben lebt ihn. Sein Schicksal, so stellt er rückblickend fest, fügt sich durch eine endlose Kette von Nicht-Entscheidungen. »Man schlug einen Weg ein, marschierte munter drauflos und verfiel nach und nach in einen Trott, das war kaum zu vermeiden.«

Aus diesem Trott schreckt Ronstein hoch, als er einen Brief von der Uni Chemnitz in seinem Briefkasten vorfindet. Ausgerechnet Chemnitz. Will er dahin? Wollte er eigentlich nicht immer schon viel lieber Drehbuchschreiber werden? Tatsächlich erhält Ronstein in den folgenden turbulenten Tagen mehrere Chancen, sein Leben zu ändern. Der umtriebige Freund Öko-Ecki schlägt ihm vor, Leiter einer Öko-Akademie auf Schloß Mellow zu werden. Auch ein alter Schulfreund, der Immobilienhai Benski, der humorig von sich behauptet: »Ich wähle sogar die Grünen, damit sie Leuten wie mir das Handwerk legen«, bietet ihm einen Job an. Dann verliebt sich Ronstein auch noch und sucht, schließlich seinen Analytiker auf, obwohl er seine Analyse längst beendet hat. Dort entschlüpft ihm der Satz: »Chemnitz ist nicht der Traum, aber es ist die einzige Chance.« Und der Analytiker, Dr. Schmidt-Heising, ist so gemein, ihn diesen Satz zehn Mal wiederholen zu lassen. So ist das Leben. Schließlich erhält Ronstein tatsächlich die Chance, ein Drehbuch zu schreiben. Sein Traum könnte in Erfüllung gehen. Er müßte nur zugreifen. Aber was ist mit Chemnitz? Sichere Beamtenlaufbahn? Zukunft?

Jens Johler und Axel Olly erzählen Kapitel für Kapitel aus unterschiedlichen Erzählperspektiven, und erst allmählich fügen sich die einzelnen Stücke zu einer zusammenhängenden Geschichte. Ob ein Taxifahrer spricht, ob Ronstein, Ehefrau Beate, Benskis rechtsradikaler Sohn, ein Drehbuchautor oder ein Streifenpolizist erzählen, stets stimmen Tonfall und Sprache bis ins Detail. Die Dialoge sind treffend, witzig und entlarvend, ohne denunziatorisch zu sein. Realismus und Satire sind kaum auseinanderzuhalten, fast wie im richtigen Leben. Da ist etwa der Monolog des Alt-68ers, der immer noch Taxi fährt, weil er sich früher »nicht klar gemacht hat, daß man älter werden könnte«, und der sich wehmütig an die glorreichen Jahre erinnert. »Man redet davon wie unsere Alten früher vom Schützengraben.« Oder der alternative Reiseleiter, der Stadtführungen zu Spezialthemen anbietet: Die Architek-Tour, die Nazi-Opfer-Tour, die Stasi-Opfer-Tour, und für alle, die sich gern gruseln, die »So- wohl-als-auch-Tour«. Eine besondere Delikatesse ist Ronsteins Besuch beim Analytiker, der ihm in erster Linie versichert, »auch nicht billiger« geworden zu sein und sich bar bezahlen läßt: Geld auf den Tisch! Ach, zu welchen Demütigungen sind wir bereit, wenn es um unser Seelenheil geht.

Jens Johler und Axel Olly leisten mit Bye bye, Ronstein Luchterhand, was Jakob Arjouni vergeblich versucht: eine (selbst-)ironische, liebevolle Dokumentation der Westberliner Szene im Stadium ihres Untergangs. Denn Chemnitz ist überall. Auch Berlin »ist nur ein größeres Chemnitz«. Das konnte man zu Mauerzeiten nur nicht so leicht erkennen. Es putzt sich heraus und wird bald ununterscheidbar von anderen Metropolen sein. Bleiben oder gehen - die Frage erübrigt sich, denn das alte Berlin ist so oder so verloren. Und wer hier noch lebt, ist bloß irgendwie hängengeblieben. So wie der dicke Dichter. So wie Ronstein und all die anderen.

Jakob Arjouni: Magic Hoffmann. Roman. Diogenes verlag, Zürich 1996, 281 Seiten, 36; DM

Thomas Wörtche (Hg.): Mörderisches Berlin. 12 kriminale Texte aus der Kapitale. Verlag Georg Simader, Frankfurt/Main 1995, l76 Seiten, 22,- DM

Matthias Zschokke: Der dicke Dichter. Roman. Bruckner und Thünker Verlag, Köln, Basel 1995, 177 Seiten, 38,- DM

Jens Johler, Axel Olly: Bye bye, Ronstein. Roman. Luchterhand Verlag. München 1995. 160 Seiten. 32,- DM

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