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Bye bye, Ronstein. Roman

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Der Tagesspiegel

Seite W 5, 24. Sept. 95

Hin- und hergerissen
Wieder einmal wird spöttisch mit den Alt-68ern abgerechnet

VON ROBERT VON RIMSCHA

"Ich habe es nicht bereut, dieses Buch gelesen zu haben", würde Marcel Reich-Ranicki mit wackelndem Finger rufen, "aber dies ist keine Literatur!" Helmuth Karasek würde stöhnen und darauf verweisen, daß nur in Deutschland zwischen Hochliteratur und Unterhaltungsromanen unterschieden werde.

Beide hätten recht. "Bye bye, Ronstein" liest sich locker und entspannt, Lektüre für einen Abend. Amüsant, zuweilen frech, aus Einzelepisoden geschickt zusammenmontiert, ein Facettenstück über Berliner Wirklichkeit im Jahr fünf nach der Einheit, ein Sittengemälde mit akuraten Strichen und reichlich Lokalkolorit. Vor allem ist dies erneut eine spöttische Abrechnung mit der West-Berliner Vergangenheit, mit '68 und den Studenten, mit taxifahrenden schwäbischen Exilanten, die VWL studierten, um Marx zu verstehen, und mit dem Universitätszirkus.

Der Held, Privatdozent Dr. Wilfried Ronstein, ist nebenbei Stadtführer und Drehbuchautor (geniales Skript, Finanzierung gescheitert), hin und hergerissen zwischen der ersten Professur in Chemnitz und der Leitung einer Bildungsstätte, die sein Freund Öko-Ekki, Anhänger der Lehmbauweise, in der Mark eröffnen möchte; zerrissen auch zwischen Frau Beate und Freundin Simone; hin und hergerissen aber vor allem zwischen dem Erbe der studentischen Rebellion, zwischen revolutionärem Leistungsanspruch und Kompensations-Psychiater, und dem Midlife-Traum von der wahren Befreiung.

Vielleicht aber, dies ist die Utopie des Romans, ist die wahre Befreiung ja mit der Karriere vereinbar: "Endlich würde Ronstein einmal Klartext reden können, ohne Rücksicht auf Karriere und Bewerbungschancen", phantasiert der Soziologe und denkt dabei ausgerechnet an seine Antrittsvorlesung.

"Liest sich locker und entspannt: Lektüre für einen vergnüglichen Abend"

Der Held findet sich fest vertäut in einem Beziehungsgeflecht, dessen tragenden Gestalten je ein Kapitel, meist in erlebter Rede gehalten, gewidmet wird. Da ist Benski, einst mit Ronstein lebensprägend vereint: "Bietigheim Blues Busters. Ronstein Gitarre, Benski Baß." Benski ist nach dem Studium in Berlin Baulöwe in München geworden. Da ist Frau Beate. Sie zog Ronstein nach Berlin nach, als es für sie als Architektin außer renovierungsbedürftigen Hinterhöfen nichts zu tun gab. Jetzt verdient sie mit am Hauptstadt-Boom. Da ist ein taxifahrender Schwabe, der nebenbei einen Partyservice der gehobenen Klasse betreibt und die Ronsteins mit gebeizten Lammnüßchen ausstattet.

Die teils drastisch satirische, teils süffisante Abstandswahrung von diesem Personen-Pool bewerkstelligen die Autoren auf zweierlei Ebene: zunächst stilistisch, aber auch durch das Einfügen des 33jährigen Regisseurs Markus Dombrowski, der anläßlich Ronsteins Abschiedsessens die "Gerontokratie von Ex-Kommunisten" geißeln darf und hinzufügt: "Politisch korrekt, aber irgendwie immer voll daneben. Oh Mann, ich werde nie begreifen, wie sowas funktionieren kann: daß eine ganze Generation aufs falsche Pferd gesetzt hat und auch noch stolz darauf ist."

Nein, politisch korrekt ist dieses Buch nicht. Heribert Prantl, Oberinquisitor der korrekten Moralsuche, hat gerade wieder erklärt, Gegner der Political Correctness seien stets Revisionisten oder Revanchisten, denen es darum gehe, ihren rassistischen Dummheiten das Mäntelchen der Meinungsfreiheit umzuhängen. Der Roman von Johler und Olly beweist, wie töricht diese Vermutung ist. Anti-PC heißt nicht rechtsextrem. Eingerahmt wird die Ronstein-Minisaga nämlich von einem Überfall auf einen Falafel-Laden auf dem Winterfeldtplatz. Die Täter, gelangweilte Fascho-Kids, sind die Söhne der Helden.

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